John Galliano: Nostalgische Aldehyd-Noten im ersten Duft des Designers

John Galliano

“Der einflussreichste Modedesigner seiner Generation” - TIME Magazine

John Galliano ist ein exzentrischer Engländer, der Paris und die ganze Welt im Sturm erobert hat. Galliano behauptet sich nicht nur als Vorreiter der Mode, sondern hat sie mit jeder einzelnen Kollektion neu definiert. Galliano hat nicht nur die Regeln gebrochen, sondern neu geschrieben. Galliano wird als einer der aufregendsten, innovativsten und romantischsten Designer des 20. Jahrhunderts in Erinnerung bleiben. Auf dem Laufsteg oder dem roten Teppich hat er mit seiner eigenen Marke den wichtigsten Looks von heute die Richtung vorgegeben und durch seine Neue Vision bei Dior für einen Neuen Stil und Neue Energie gesorgt, die einen einschneidenden Neubeginn einläuteten.

Galliano wurde auf der britischen Halbinsel Gibraltar geboren, wuchs in London auf und studierte Modedesign an der renommierten Hochschule St. Martins. Mit seiner berühmt-berüchtigten Abschlusskollektion ‘Les Incroyables’, der die Französische Revolution als Inspirationsquelle diente, setzte Galliano 1984 eine eigene Revolution in Gang. Die Modeszene hatte damit ihren neuen Messias gefunden.

Gallianos Vorstellungskraft, Erzählkunst und Exkursionen sind legendär. Jede Saison bereist er die Erde, durchforscht ihre Kulturen, Kontinente, Literatur, Kunst und unentdeckten Schätze, um neuen Ideen den Weg zu bahnen. Er bereichert das Leben durch Phantasie, Romantik und einen Vorblick auf die Zukunft. Mit einer der heiß begehrten Einladungen zu seinen Präsentationen begibt man sich auf eine Weltreise, denn seine Kollektionen schöpfen aus dem Kulturgut Chinas, Mexikos, Russlands, Japans, Indiens und seines Heimatlandes. Von der Pariser Oper Garnier zur Belle Époque, von Bollywood nach Las Vegas, von Londons Perlenkönigen und -königinnen bis zu fernöstlichen Geishas: Galliano findet Schönheit in allem, was er sieht. Galliano hat nicht nur den Diagonalschnitt neu gestaltet, sondern auch die Träume von Frauen weltweit.

Wer ist das Galliano-Girl?
Eine duftende Geschichte

Sie legte ihre Haarbürste ab und betrachtete sich im Spiegel. Sie war nicht wie andere Mädchen, sie wollte sich nicht anpassen. Sie sah sich lieber als einzigartig, wie die Heldin einer ihrer Lieblingsromane, ein Filmstar oder eine vergötterte, aber unverstandene Muse. Wie kann man aber ein echtes Original sein, wenn man nicht einmal seine “Essenz” kennt…

Das Galliano-Girl wollte auf keinen Fall die gleiche Essenz haben wie andere Mädchen; sie stellte sich etwas geheimnisvolles vor, ihr eigenes Scent and Scentibility. Sie wollte verführerisch erscheinen oder zumindest etwas finden, das zu ihrer Kleidung, Lebensart und Persönlichkeit passen sollte. Sie versuchte John zu erreichen, der ihr sicherlich weiterhelfen könnte, aber sein Telefon gab nur einen komischen Klingelton von sich. Verflixt! Er war wohl gerade auf einer seiner Forschungsreisen. Genau! Wenn er die Welt nach Ideen durchforsten konnte, müsste sie doch nach dem gleichen Prinzip auch die unentdeckte Essenz des Galliano-Girl finden können.

Sie packte in ihre bewährte abgetragene Reisetasche einige Chiffonkleider, die sich in einen fröhlichen Regenbogen zusammen rollten, einen wunderschönen alten Fächer und eine Sonnenbrille, dazu noch die hübsche Schildplatt-Handtasche, die sie mit John auf dem Flohmarkt gefunden hatte. Dann fügte sie einen Lavendelzweig hinzu, um Schmetterlinge anzulocken, einige Angelikasamen, fest in ein Taschentuch gerollt, und eine frivole italienische Bergamotte… Darüber stapelte sie einige ihrer Lieblingsbücher; Liebesbriefe von dem Verehrer, der sich letztendlich aus dem Staub gemacht hatte (und die Antworten, die sie irgendwie nie geschafft hatte abzuschicken); Seidenstrümpfe; Handy – und schließlich quetschte sie noch die Rosen hinein, die sie vom Boden der Oper aufgesammelt hatte. Noch ein Paar alte Galliano-Einladungen als Glücksbringer: Nun hatte sie alle nötigen Inspirationselemente beisammen und war zum Aufbruch bereit.

Wo fängt man an nach seiner Essenz zu suchen? Es gab keine eindeutige Reiseroute auf der Suche nach einem Duft. Während sie auf das Taxi wartete, kritzelte sie auf der Landkarte herum und drapierte zerstreut Seidenschals um einige alte Parfumflakons, die sie sicherheitshalber noch in ihrer zum Bersten vollen Tasche verstauen wollte. Sie begann Flakons mit üppigen Stoffüberwürfen zu skizzieren, deren knisternde Seide dem Glas Gestalt verlieh, während die verblassende Farbe im Nichts verlief. Sie zeichnete hohe stolze Hälse, elegante Kurven und plissierte Blütenblätter mit all der aparten Schönheit eines echten Galliano Kleides. Sie krönte ihren Flakon mit einem gotisch anmutenden ‘G’, das Dornen trug, wie ihre samtigen Rosen. Das würde sich sehr gut auf ihrem Frisiertisch machen, aber noch fehlte ihr das magische Elixier, das der Flakon bergen sollte.

Die durchdringende Hupe des Taxis rief sie in die Wirklichkeit zurück. Ihre Kutsche war angekommen: Aphrodite konnte endlich los. Sie ergriff zwei Spitzensonnenschirme und den Tragekorb mit der Katze. Sie warf sich ihren Rote-Rosen-Umhang über und machte sich auf den Weg. Zielort: unbekannt. Rote Schleifen im Haar, Ohrringe, die wie Lüster baumelten, Spitzenhandschuhe mit halb abgerissenen Perlenknöpfen. Unter ihren ganzen Utensilien auf dem Rücksitz versteckt, schauten nur noch ihre großen blauen Augen zwischen den Vögelkäfigen hervor, die sie am Flussufer entdeckt hatte. Es herrschte akuter Platzmangel, und dabei war sie doch gerade erst zu ihrer Abenteuerfahrt aufgebrochen. Wie viel Platz brauchte Inspiration? Wohin? Wohin würde John gehen? Das ließ sich ungefähr so schwer voraussagen wie das nächste Lied im Radio, Jazz, Pop, Klassik, Rock, Groupies und Geishas, Leadsänger und Fans. Sie beschloss, erst einmal ihre Nase zu pudern und dabei nachzudenken. Sie war immer am glücklichsten, wenn sie ganz in einem Buch versunken war.

Der Puder roch nostalgisch nach Seife und Blumen, wie aus einer anderen Epoche, und passte wunderbar zur Kette aus Ambrettekörnern an ihrem Hals. Sie steckte sich eine Iris an, die einen perfekten Kontrast zu ihrem violetten Glamour-Nagellack bildete: Eine echte femme fatale.

Der Taxifahrer wirkte schon leicht genervt von seinem unkonventionellen Fahrgast. Noch hatte ihr die Inspiration allerdings nicht den Weg gewiesen. Als sie einen Blick auf das Taximeter warf, fiel ihr ein unter dem Spiegel schaukelnder Räucherstab in Form eines goldenen Buddhas auf, der einen würzigen Duft verbreitete. Die geheimnisvolle Moschusnote erinnerte sie an jemanden oder etwas – Zedernholz? Sie schloss die Augen und atmete das Aroma ein, bis sie plötzlich einen Antiquitätenladen im Augenwinkel sah. ‘Stopp!’ rief sie aus. Inhalt und Insassen des Taxis wurden abrupt durcheinander geworfen.

Sie suchte das Nötigste zusammen, die Katze im Picknickkorb und einen Paillettenbeutel, der sich in den unergründlichen Tiefen ihrer Tasche angefunden hatte. Sie versicherte dem Fahrer, dass sie nicht lange brauchen würde und ihm einen Kaffee mitbringen könne. Der Taxifahrer brummte etwas von einem Americano; sie selbst wollte grünen Tee, aber war so mit der Überlegung beschäftigt, was wohl “sinnliche Vanille” sein könnte, dass sie darüber fast den Grund für den urplötzlichen Halt der ganzen Bagage vergaß. Der Raritätenladen…

Am Schild mit der Aufschrift Nippes vorbei drängte sie sich in den Laden, während über ihr die Eingangsglocke läutete. Der Innenraum sah aus, als habe er seit Jahrhunderten unter einer dicken Staubschicht geruht. “Hallo”, rief sie, aber niemand antwortete.

Alte Parfumflakons, verblichene Zeitschriften, Hutschachteln und ein rosa Grammophon. Hier ließ sich eventuell Inspiration finden, mit Sicherheit aber das eine oder andere Schnäppchen machen! Einige Pseudo-Ölgemälde ohne Rahmen oder entsprechenden alten Meistern, Vintage-Samtumhänge, diagonal geschnittene Kleider längst vergessener Schönheiten aus den Wilden Zwanzigern und der exquisite Moschusduft langer Jahre. Ja, hier könnte sie sich ewig aufhalten. Sie hatte den Eindruck, in ihr eigenes Innenleben getreten zu sein! Sie wirbelte herum, um Ihren Ausgangspunkt zu bestimmen – hier taten sich schließlich wahre Schätze auf – doch nach einer halben Umdrehung schaute die Katze aus ihrem Korb, identifizierte irgend etwas als potenzielle Beute und sprang heraus. Neeiiiin! Schon zu spät!

Ein Berg von Blütenblättern flog in eine Richtung, Flaschen in die andere, während ihr Reisegefährte sich auf den bemalten Papagei neben der Ladenkasse stürzte. Als sie versuchte, die umstürzenden Gegenstände zu erhaschen, verfing sich ihr Fuß in den Fransen eines alten Schals und sie landete mit einem markerschütternden Rums auf dem Boden. Die peinliche Szene wurde durch einen Lampenschirm vervollständig, der ihr auf dem Kopf landete, und einen Haufen Krimskrams, den eine fallende Vase in ihren Schoß ergoss. Benommen und entsetzt zugleich blieb sie sitzen. Was nun? War etwas gebrochen? Dabei dachte sie auch an sich. Sie fand zeitweiligen Trost in den Raritäten in ihrem Schoß. Kämme, Broschen und ein bezauberndes altes Armband mit Glücksanhängern. Ohh! Genau ihr Stil! Der Verschluss war kaputt, aber sie ersetzte ihn sogleich durch eine Sicherheitsnadel aus ihrer Handtasche, die zum Charme des Ganzen noch beitrug. Schon lag das Armband um ihr Handgelenk. Wirklich Glück im Unglück! “Brauchst du Hilfe?” ließ sich eine Stimme jenseits des Lampenschirms vernehmen.

Vorsichtig streckte sie einen Arm aus. “Äh, ich…”. Halt den Mund, dachte sie und bewegte die Hand. Das Armband rasselte an ihrem Handgelenk und auf einmal bemerkte sie, dass die Glücksanhänger alle die Form von Fläschchen hatten – Parfumflakons – in Grün, Blau, Rot, Bernsteingelb und Gold… “Alles in Ordnung?” hörte sie und sah unsicher auf. Ein Lächeln malte sich auf ihr Gesicht. John. Aber…? “Du dachtest ja wohl nicht, dass ich wegfahren würde, ohne mich zu verabschieden?” Unnötig zu fragen, wie er sie gefunden hatte – ihre Spur aus Kleidern und Krimskrams vom Auto bis zur Ladentür war unübersehbar. “Lass uns nach Hause gehen”, sagte er. Aber was ist mit meinem Duft? Der Essenz? “Hast du sie nicht bereits gefunden?” lächelte er, während er mit der Katze ihre irdischen Güter einsammelte: Ihre Essenz, ein bezauberndes individuelles Chaos, hatte sich überall ausgebreitet; ihr Duft lag in der Luft, so einzigartig wie das Abenteuer, das sie gerade erlebt hatte.

Dieser Artikel wurde am 29.September 2008 von Essenza Nobile verfasst.
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